V 20/V 36

Robust und genügsam – unter dieser Maxime wurden einst die Loks der Typen V 20 und V36 für die Wehrmacht konstruiert. Nach dem zweiten Weltkrieg entwickelten sie sich zu beliebten Maschinen für verschiedenste Einsatzzwecke und kamen deshalb auch auf der Unterelbebahn zum Einsatz [1].
In Cuxhaven wurde ab 1947 bis 1951 meist eine, zeitweilig auch eine zweite Maschine vom Typ V20/22 stationiert. Die Loks kamen vorwiegend im Rangierdienst im Cuxhavener Hafen zum Einsatz, der damals noch recht Umfangreich war. Laufleistungen von rund 5000 Kilometern in einem Monat zeugen von einer intensiven Nutzung. Die einzelnen Loks wurden häufig mit anderen Dienststellen getauscht, meistens mit dem BW Hamburg-Harburg. Ein Vertreter einer kleinen Splittergattung war von 1948 bis 1951 an der Elbmündung stationiert: Es handelte sich um die dreiachsige V 22 016, die später einem Typenbereinigungsprogramm zum Oper fiel und bereits 1951 nicht nur aus dem Cuxhavener Bestand schied, sondern ganz ausgemustert wurde. Die Bundesbahn verkaufte sie als Werklok.
Eine weitere Cuxhavener Maschine mit interessanter Geschichte ist V 20 039. Die Lok, die heute noch erhalten ist und beim VVM in Schöneberg in Museumsdiensten steht, war nach ihrer Zeit an der Elbe ab 1950 im Bahnbetriebswerk Heiligenhafen an der Ostsee stationiert. Von hier aus wurde sie regelmäßig mit einer Eisenbahnfähre zur Osteeinsel Fehmarn trajektiert. Eines Tages, es war der 2. November 1962, befuhr sie mit einem schweren Dampfkran im Schlepptau das Fährschiff Richtung Großenbrode. Es herrschte dichter Nebel. Kurz vor dem Ziel rammte das Schiff einen Dalben, kam in Schräglage und die Fracht daraufhin ins Rutschen. Lok und Kran stürzten in die Oststee. Das Personal konnte sich noch aus dem Fahrzeug befreien und wurde von Passanten gerettet. Beschädigt, aber nicht irreparabel zerstört, wurden die Fahrzeuge wenig später mit einem großen Schwimmkran geborgen und V 20 039 daraufhin wieder in Fahrt gesetzt – Zeugnis ihrer robusten Konstruktion [2].
Nachdem die Unterhaltung von V20/22 in Cuxhaven 1951 endete – lediglich V 20 035 kam Ende 1957 noch einmal für drei Wochen zum BW Cuxhaven – wurden die Fahrzeuge vom BW Hamburg-Harburg aus eingesetzt. Dies hatte sich zu Schwerpunkt-Werk für die ehemaligen Wehrmachtsloks V 20/V36 entwickelt, wobei letztere meist recht schnell wieder abgegeben wurden. Die kleine V 20 reichte offenbar aus. Harburger Loks rangierten schon lange auf der Unterelbebahn in Stade (seit 1947/48), nach dem Ende der Unterhaltung in Cuxhaven auch dort. Ihr Einsatz in dieser Funktion ging erst Anfang der 70er Jahre zu Ende, als sie von der moderneren V 60 abgelöst wurden und zunehmend in den Arbeitszugdienst abwanderten, bis 1979 die letzte Harburger V 20 abgestellt wurde.
Einzige V 36 entlang der Niederelbebahn war die Lok 276 der Buxtehude-Harsefelder Eisenbahn, die in Buxtehude Anschluss an das Bundesbahn-Netz besaß. Die Maschine (BMAG 1941/11449) wurde 1961 über einen Bremer Lokhändler angekauft. Sie trug viele Jahre lang die Hauptlast des Verkehrs, bis sie 1977 durch eine neuere Lok zur Reserve abgestuft wurde [3]. Mit der Fusion von BHE und EVB 1993 ging die Maschine in den EVB-Bestand über und wurde abgestellt. Seit 2003 ist die Lok – inzwischen mächtig heruntergekommen – in der Obhut der Museumsbahn Bremerhaven-Bederkesa [4] und derzeit in Bad Bederkesa abgestellt.

Anmerkungen
[1] Grundlage war hier die umfassendste Monographie zur Geschichte dieser Lokfamilie: Lauscher, Stefan (1999): Die Diesellokomotiven der Wehrmacht. Die Geschichte der Baureihen V 20, V 36 und V 188. Freiburg: EK-Verlag. Ergänzend wurde herangezogen: Traube, Manfred: (2001): Vor 20 Jahren: Das Ende der DB-V 36. In: Eisenbahn-Kurier 35, H. 349, S. 64-67.
[2] Vgl. dazu außer Lauscher, S. 273, auch Klahn, Karl-Wilhelm (1999): Fehmarn- eine Bauerninsel als Trittstein zur Welt. Fährverkehr-Eisenbahn-Brückenschlag. Neumünster: Wachholtz-Verlag, S. 150.
[3] Vgl. Bohlmann, Dieter-Theodor (1988): Eine Kleinbahn an der Unterelbe. Die Buxtehude-Harsefelder Eisenbahn. Gifhorn: Verlag Ingrid Zeunert sowie Bohlmann, Dieter-Theodor; Kästner, Günter [1978]: Buxtehude-Harsefelder Eisenbahn. Gifhorn: Verlag Wolfgang Zeunert.
[4] Vgl. o.V. (2003): Aktuell [Mitteilungen aus dem Verein]. In: Mitteilungen der Museumsbahn Bremerhaven-Bederkesa e.V. sowie der BSW-Gruppe „Das Stellwerk“ 13, H. 74/75, S. 6.