Zur Feier des Tages hat man Ehrenpforten aufgestellt. Die Honoratioren stehen ungeduldig am Bahnsteig. Am Morgen des 30. Mai 1896 erwartet ganz Wursten die Eröffnung der Bahnstrecke zwischen Geestemünde und Cuxhaven. Als der Sonderzug mit der bekränzten Lokomotive vorneweg und dem Oberpräsidenten hinten im Abteil schließlich eintrifft, hat für die Region ganz nebenbei ein neues Zeitalter begonnen.
Heute, mehr als 110 Jahre später, kann man die Bedeutung dieses Ereignisses nur schwer nachvollziehen. Zwar verkehren stündlich die modernen Triebwagen der Nordseebahn zwischen Cuxhaven und der Seestadt Bremerhaven, doch ansonsten sieht es um die Strecke eher trübe aus. Für die Stationen Altenwalde, Spieka, Cappel-Midlum, Mulsum und Imsum ist schon lange der letzte Zug abgefahren, Güterverkehr oder Fernverkehrszüge gibt es nicht mehr.
Das ist 1896 ganz anders: Für die Menschen im Lande Wursten bedeutet die neue Eisenbahnverbindung eine sensationelle Verbesserung der Verkehrsverhältnisse. Erst mit Bau der Wurster Landstraße von Lehe nach Cuxhaven ab 1830 hatten viele Gemeinden den Anschluss an ein halbwegs befestigtes Straßennetz bekommen – und auch das war bereits eine Revolution gewesen. Mit der Postkutsche konnte man daraufhin die Strecke zwischen beiden Orten in fast sechs Stunden zurücklegen. Die Eisenbahn verkürzt diese Reisezeit auf gute eineinhalb Stunden.
Da verwundert es nicht, wenn in Imsum zur Eröffnung ein Transparent mit der Aufschrift „Dem Weltverkehr erschlossen 1831-1896“ angebracht wird. Mit der Landstraße und der noch wichtigeren Eisenbahn haben die bis dahin abgelegenen Dörfer im Lande Wursten tatsächlich den Anschluss an die weite Welt gefunden.
Die Bahnstrecke zwischen Cuxhaven und Geestemünde – eröffnet am selben Tag wie die Strecke nach Bederkesa – stellt einen Lückenschluss dar. Noch zu Zeiten des Königreichs Hannover hatte Geestemünde bereits 1862 einen Bahnanschluss bekommen. Cuxhaven ist seit 1881 von Hamburg aus mit der Eisenbahn zu erreichen.
Die Eisenbahn – ein Wirtschaftsfaktor
Vor allem auf das regionale Wirtschaftsleben übt die neue Bahn einen großen Einfluss aus. Der Warenaustausch mit den Unterweserstädten Lehe, Geestemünde und Bremerhaven ist bedeutend einfacher geworden. Findige Geschäftsleute stellen sich rasch darauf ein und versuchen, mit entsprechenden Annoncen in der Presse die Landbevölkerung zu locken. Die Oberzentren treten in der Folgezeit langsam als Arbeitsmarkt für die Menschen vom Lande in Erscheinung. Der „Pendlerverkehr“ entwickelt sich. Umgekehrt profitiert die regionale Landwirtschaft, indem sie ihre Erzeugnisse leichter versenden kann und im Gegenzug etwa Kunstdünger per Bahn geliefert bekommt.
Auch in den Gemeinden entlang der Strecke ändert sich einiges. Alte, jahrhundertealte Siedlungsstrukturen werden aufgebrochen – wie etwa in Spieka. Vor dem Bahnbau lag der Ortsmittelpunkt im Umfeld der Kirche, nach 1900 verlagert er sich langsam in Richtung Bahnhof. Neue Arbeitplätze im Umfeld der Bahn entstehen, Bahnhofsgastwirtschaften oder Hotels werden gegründet. Auch ein bescheidenes Maß an Industrialisierung bringt die Bahn mit sich. In Nordholz wird zum Beispiel 1904 unter dem Namen „Oest & Co.“ eine Kalksandsteinfabrik gegründet, die nicht zufällig direkt neben dem Bahnhof liegt. Den zur Produktion benötigten Kalk bezieht sie über die Schiene und die fertigen Produkte erreichten auf diesem Wege auch die Absatzmärkte in Cuxhaven und Bremerhaven.
Der Eisenbahnbau in Preußen am Ende des 19. Jahrhunderts verfolgt neben militärischen vor allem strukturpolitische Ziele. Man will im Interesse der ländlichen Bevölkerung – die „Agrarlobby“ hat damals einen starken Einfluss – die wirtschaftliche Entwicklung abgelegener Gebiete vorantreiben. Daneben hofft man, durch eine bessere Erschließung der ländlichen Räume die Konzentration der Industrie auf großstädtische Ballungsräume mit vielen hunderttausenden Arbeitern und entsprechenden sozialen Problemen verändern zu können.
Gleise für das Militär
Inwieweit militärstrategische Belange beim Bau der Bahn eine Rolle gespielt haben, ist unklar. Fest steht aber, dass die Strecke im Zuge der massiven Flottenaufrüstung im Kaiserreich eine entsprechende Bedeutung bekommt. Das zeigt sich unter anderem im Bau des Marine-Luftschiffhafens Nordholz ab 1913. Für die Versorgung des riesigen Areals wird ein eigenes Anschlussgleis vom Bahnhof Nordholz aus gelegt. Die Bahn sorgt zum Beispiel mit speziellen Gastankwagen dafür, dass auch im Notfall stets genügend Gas für die Versorgung der Luftschiffe bereitsteht.
In der letzten Hälfte der 1930er Jahre tritt die Strecke erneut in den Blickpunkt der Militärstrategen. Mit einem großangelegten Ausbauprogramm wird viel Geld in die Infrastruktur gesteckt. Das geschieht vor dem Hintergrund der massiven Kriegsvorbereitungen im NS-Deutschland. Die Gleisanlagen in den Bahnhöfen werden deutlich verlängert, um lange Militärzüge aufnehmen zu können. Man installiert eine Fernbedienung der Weichen und Signalanlagen, um Personal zu sparen und einen dichteren Zugverkehr zu ermöglichen. Rampen werden gebaut oder verstärkt. Die Militäranlagen in Altenwalde bekommen einen Gleisanschluss, Altenwalde und Spieka erhalten sogar neue Bahnhofsgebäude. Außerdem errichtet man Bunker. Immer wieder werden Züge das Ziel alliierter Bomber.
Fisch, Torf und “Heckeneilzüge”
Nach dem Krieg, ab Ende der 50er Jahre beginnt der schleichende Bedeutungsverlust der Bahnstrecke, der sich bis in die Gegenwart fortsetzt. Die Konkurrenz auf der Straße wird stark, zu stark. Zuerst macht sich das im Rückgang des Güterverkehrs bemerkbar. Noch bis Ende der 80er Jahre werden etwa von Dorum aus Eisenbahnwagen mit einem Straßentransporter ins Ahlenmoor gefahren, um dort mit Torf beladen zu werden. Es gibt Holz-, Dünger- und Viehverladung – und natürlich Militärtransporte nach Altenwalde und Cuxhaven. Als Transitstrecke für die Fischzüge aus Cuxhaven spielt die Verbindung ebenfalls eine große Rolle.
Zeitgleich wird bei der Infrastruktur rationalisiert: Haltepunkte werden geschlossen, Gleisanlagen abgebaut. Man diskutiert Anfang der 80er Jahre sogar über eine vollständige Stilllegung. Dennoch erfährt der Personenverkehr zwischenzeitlich eine Aufwertung. Cuxhaven wird als Endstation in das System der „Heckeneilzüge“ der Bundesbahn aufgenommen, die entlegenere und strukturschwächere Regionen umsteigefrei an das Fernverkehrnetz anbinden. So gibt es etwa Zugverbindungen nach Detmold oder Stuttgart. Für Angehörige der Bundeswehr verkehrt zwischenzeitlich sogar ein eigener InterCity. Später wird der Interregio eingeführt, der Verbindungen nach Saarbrücken oder Münster schafft. Heute gelangt man mit der Nordseebahn immerhin wieder bis nach Bremen.

