Jan Reiners Souvenirs

(21.03.2009, rol)

Kurbjuweit, Otto O. / Kurbjuweit, Olaf O.
Jan Reiners Souvenirs
Erinnerungen an die Kleinbahn Bremen-Tarmstedt
Gebunden, 88 Seiten, 120 Abbildungen, Preis: 16,80 €
ISBN 3-936923-03-5
Verlag: Ferrook-Aril

Hier besprochen wurde die Ausgabe als Sonderheft des Schmalspurbahn-Magazins “Mittelpuffer”, die bis auf die Verarbeitung mit dem Hardcover identisch sein soll. Preis: 12,80 €.

In den Januartagen 2006 ist es 50 Jahre her, dass zwischen Tarmstedt und Falkenberg zum letzten Mal die Triebwagen der Kleinbahn Bremen-Tarmstedt verkehrten. Mit der Stillegung und dem Abbau dieser meterspurigen Bahnstrecke, die unter dem Namen “Jan Reiners” im Volksmund bis heute bekannt ist, endete ein wichtiges Kapitel zur vekehrsmäßigen Erschließung des Bremer Blocklandes und der Moorgebiete weit vor den Toren der Hansestadt. Unter dem Titel “Jan Reiners Souvenirs – Erinnerungen an die Kleinbahn Bremen-Tarmstedt” ist jetzt ein neues Buch erschienen, das sich mit der Geschichte der Kleinbahn befasst.
Damit liegt nun ein zweites Werk zur Geschichte von “Jan Reiners” vor. Denn vor genau 20 Jahren veröffentlichten Hermann Frese und Herbert Fittschen die bisher einzige Monographie über die Kleinbahn Bremen-Tarmstedt [1]. Ihr umfassendes heimatgeschichtliches Werk – gestützt auf eine handwerklich solide Arbeit – setzt bis heute Maßstäbe.

Da erstaunt es, wenn der Leser erfährt, dass die Hauptquelle für die Neuerscheinung “Jan Reiners Souvenirs” ausgerechnet das Archiv des mittlerweile verstorbenen Hermann Frese darstellt. Angesichts dessen und der Tatsache, dass die Geschichte der Kleinbahn Bremen-Tarmstedt auch schon vor 20 Jahren als abgeschlossen betrachtet werden konnte, stellt sich die Frage, was für neue Erkenntnisse Otto O. Kurbjuweit, Autor der “Jan Reiners Souvenirs”, vorweisen kann.

Kurbjuweit spricht in seinem Vorwort von einem neuen Ansatz, den er mit seiner Publikation verfolgen wolle und der sich auf “gewisse Spezialitäten” der Kleinbahngeschichte gründen solle, die es detailliert zu beleuchten gelte. Seine Absicht sei es nicht gewesen, einen “Abklatsch des Fittschen/Frese-Buches zu machen”.

Dass der Autor sich auf den ersten Seiten seines Buches selbstbewusst auf einem ganzseitigen Foto (!) vor der einzigen erhaltenen Kleinbahnlok in Szene setzen lässt – zu allem Überfluss ist das Bild noch mit albernen Sprechblase versehen – kündet nicht von mangelndem Selbstbewusstsein. Indes vermögen die inneren Werte seiner Publikation, das sei an dieser Stelle bereits angemerkt, nur eingeschränkt zu überzeugen.

Einen “Abklatsch” liefert Kurbjuweit zwar nicht – aber auch nichts wirklich neues. Eher eine Art “Update” in einigen Bereichen. Die Stärken des neuen Bandes liegen in drei Bereichen: Er wirft einen detaillierten Blick auf die verschiedenen Anschlussgleise und damit den Güterverkehr der Kleinbahn, er klärt den Verbleib und die Daten einiger Fahrzeuge, deren Schicksal bisher nur Bruchstückhaft überliefert war und er eröffnet mit Fahrzeug- und Gebäudezeichnungen sowie Gleisplänen dem interessierten Modellbauer die Möglichkeit des Nachbaus. Dieser modellbahnerische Schwerpunkt erklärt sich durch den Umstand, dass ein Teil des Materials bereits im Rahmen einer Serie in der ebenfalls von Kurbjuweit publizierten Modellbahnzeitschrift “Mittelpuffer” erschienen ist. Warum nur die Gleispläne und Zeichnungen einzelner, scheinbar willkürlich herausgegriffener Bahnhöfe und Gebäude veröffentlicht wurden, bleibt leider offen. So wäre ein Plan des Bahnhofs Hemmstraße -schließlich war er Betriebsmittelpunkt der Bahn – interessant und aufschlussreich gewesen. Trotz dieser Einschränkung vermögen die grafischen Darstellungen zu überzeugen.

Hervorzuheben sind an der vorliegenden Arbeit die Schließung von Lücken, die sich in der Entwicklung des Fahrzeugbestandes der Kleinbahn bislang fanden. Als Beispiel sollen an dieser Stelle die Personenwagen 31-35 angeführt werden, die 1914 vom Bremer Hersteller Nordwaggon an die Kleinbahn ausgeliefert wurden. Die schon bei Fittschen/Frese genannte Vermutung, dass diese Wagen bereits nach kurzer Zeit in die Schweiz veräußert wurden, kann Kurbjuweit bestätigen. Zwei Waggons bekam die Biel-Täuffelen-Ins-Bahn, die restlichen gingen an die Bern-Zollikofen-Bahn. Leider ist keines dieser Fahrzeuge erhalten geblieben, sie wurden zwischen 1965 und 1978 abgebrochen. Detaillierte Listen geben darüber hinaus Aufschluss über die Schicksale des sämtlichen Rollmaterials. Der Autor zeigt daneben auch deutlich, wie insbesondere Lokomotiven innerhalb des Lenz-Konzerns, zu dem auch die Kleinbahn Bremen-Tarmstedt gehörte, verschoben und getauscht wurden.

Ein interessantes Kapitel der Kleinbahngeschichte ist der Güterverkehr mit den zugehörigen Gleisanschlüssen, den Kurbjuweit näher beleuchtet. Trotz der stets übermächtiger werdenden Konkurrenz von der Straße bemühte sich die Verwaltung der Kleinbahn intensiv um ihre Kunden. Aus heutiger Sicht kurios mutet die Verbindung zwischen Eisenbahn und den Wasserstraßen der Region an, die durch die Anschlüsse Tüschendorf und Schmalenbecker Schiffgraben hergestellt wurde und die zeigt, dass die Frachtschifffahrt auf dem Kanalnetz des Teufelsmoores eine ganze Zeit lang noch ihre Stellung behaupten konnte. Betriebstechnisch hervorstechend war zudem der Anschluss der Firma Gieschen in bei Wörpedorf/Grasberg, der mit einer Waggondrehscheibe ausgestattet war.

Ein Großteil des abgedruckten historischen Bildmaterials ist mit dem des Bandes von Frese/Fittschen identisch. Dabei verwundert, dass Kurbjuweit etliche dieser übereinstimmenden Bilder nicht datieren und damit nicht sicher deuten kann – ein Blick in das Frese/Fittschen-Buch, das der Verfasser als Quelle angibt, hätte genügt. Ein Beispiel ist Abbildung 109: “Na, ob das ein richtiger GmP [Güterzug mit Personenbeförderung, d. Verf.] ist? Es könnte auch ein Abbauzug sein, den die VKG 11 da durch die trübe Winterlandschaft zieht”, spekuliert Kurbjuweit. Bei Frese/Fittschen findet sich dieselbe Aufnahme abgedruckt auf Seite 78: “Seit Einstellung des Schienenverkehrs im Januar 1956 waren Bahnarbeiter mit dem Aufnehmen der Gleise beschäftigt, die dann nach Bremen abgefahren wurden. Auf dem Bild fährt gerade ein Bauzug im Frühjahr 1956 durch Falkenberg.” Diese Bildunterschrift klärt die offenen Fragen: Es ist also kein GmP, sondern ein Abbauzug. Im Frühjahr 1956 fand auch definitiv kein Güterverkehr mehr statt.

Besonders ärgerlich sind die äußerst zahlreichen offenkundigen Mängel in Rechtschreibung und Zeichensetzung sowie der wenig sorgfältige Satz; vielfach beschleicht den Leser das Gefühl, dass hier unter massivem Zeitdruck zu Werke gegangen wurde. Das ist schade. Ein sorgfältiges Lektorat hätte dem Band gut getan.

20 Jahre nachdem die erste und bislang einzige Monographie zu “Jan Reiners” erschien und 50 Jahre nach Stillegung der Gesamtstrecke und dem Abbau der Linie hätte die Chance bestanden, der Kleinbahn ein zeitgemäßes Denkmal publizistischer Art zu setzen, das auf einer fundierten Quellenarbeit beruht. Die jetzt erschienenen “Souvenirs” bleiben dahinter leider weit zurück; die “neuen Ansätze”, die der Autor verspricht, kann er nur eingeschränkt einlösen. Zudem wird die Kenntnis des Fittschen/Frese-Bandes von Kurbjuweit implizit vorausgesetzt, was seine Neuerscheinung unnötigerweise zu einem bloßen Anhang mit einigen neuen Erkenntnissen herabwürdigt. Eine davon losgelöste, völlig eigenständige Konzeption hätte ihm die Möglichkeit zu einem eigenständigen Profil eröffnet.

Trotz dieser Mängel sollte der Eisenbahnfreund und Heimatforscher nicht zögern, sich die “Souvenirs” zuzulegen. Die Erinnerung an eine für die Sozial- und Kulturgeschichte des Bremer Umlandes wichtige Bahnverbindung hält er allemal wach und zeichnet (leider nur) in Verbindung mit dem Fittschen/Frese-Band ein äußerst facettenreiches Bild. ROLAND AHRENDT

Anmerkungen

[1] Fittschen, Herbert; Frese, Hermann (1985): Jan Reiners. Auf den Spuren einer liebenswerten Kleinbahn. Fischerhude: Verlag Atelier im Bauernhaus.

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