Was sich schon seit längerem andeutete, ist inzwischen zur Gewissheit geworden: Die Zukunft für einen Großteil des EVB-Schienennetzes sieht sehr düster aus. Gut 200 des insgesamt 285 Kilometer umfassenden Schiennennetzes sind Medienberichten zufolge mittelfristig im Bestand gefährdet.
Konkret betrifft das alle EVB-Strecken mit Ausnahme der Verbindung Bremerhaven-Bremervörde-Harsefeld-Buxtehude. Dem EVB-Aufsichtsrat, in dem der Mehrheitsgesellschafter, das Land Niedersachsen, das Sagen hat, ist Unterhaltung des teilweise sanierungsbedürftigen Schienenetzes ist zu teuer, der Betrieb zu unwirtschaftlich. Unerwartet schnell könnte es damit zu Streckenstillegungen kommen. Für Harsefeld-Hollenstedt und Rotenburg-Brockel solle, so heißt es in Zeitungsberichten, die Entscheidung schon gefallen sein. Anschließend seien möglicherweise die Verbindungen Wilstedt-Zeven und Zeven-Tostedt an der Reihe. Hier werde schon länger nichts nennenswertes mehr auf der Schiene gefahren, der Güterverkehr sei offenbar für einen wirtschaftlichen Betrieb zu gering. Zum 1. Januar 2004 sollen deshalb die Güterverkehrsstellen Tostedt-West, Worpswede, Brockel, Ahrensfelde, Bevern, Neu St. Jürgen, Wilstedt, Brillit, Harsefeld-Süd, Hepstedt, Badenstedt, Barchel, Basdal, Beckdorf, Breddorf, Kutenholz, Nordsode, Oerel-Süd, Oldendorf, Ostereistedt, Radereistedt, Staersbeck-Moisburg, Weertzen, Weyerdeelen-Umbeck, Elsdorf, Heudorf-Hüttendorf, Hüttenbusch, Tiste, Ostersode, Heidenau und Mulsum-Essel stillgelegt werden. Die Wilstedt-Zeven-Tostedter Eisenbahnfreunde haben ihre Ausflugsfahrten gestoppt. Grund sei die Einstellung von Wartungsarbeiten an EVB-Gleisen zwischen Wilstedt, Zeven und Tostedt. Die Unfallgefahr sei wegen fehlender Gleiswartung zu groß, teilte der Verein mit.
Angesichts dieser EVB-Aufsichtsratsentscheidung erhebt sich von vielen Seiten großer Protest. Denn der beliebte Moorexpress, der zwar ebenfalls nicht finanziell, aber touristisch ein großer Gewinn ist, könnte damit auch vor dem Aus stehen. Der Landesvorsitzende des Verkehrsclubs Deutschland (VCD), Michael Frömming, sieht einen neuen Höhepunkt in der Anti-Bahnpolitik der CDU-FDP-Landesregierung erreicht. Gerade die Moorexpress-Linie von Stade nach Osterholz-Scharmbeck genieße von allen anliegenden Kommunen Unterstützung. Dass die Verwaltung in Hannover sich über diesen Wunsch aus der Fläche hinwegsetzen wolle, sieht er als „unglaublichen Vorgang”.
Als Grundlage für ihre negative Einschätzung gegenüber dem Zweigstreckennetz zitiere die Landesregierung stets die eigene so genannte „Kategorie V”-Untersuchung, wonach sich Reaktivierungen im Personenverkehr nicht lohnen würden. „Diese Studie ist für uns solange unglaubwürdig, solange die Landesregierung deren gutachterliche Grundlagen externen Prüfern vorenthält”, so Frömming. Selbst wenn auf Teilstrecken derzeit kein Güteraufkommen zu verzeichnen sei, so gebe es überhaupt keine Rechtfertigung, die noch vorhandene Infrastruktur sinnlos zu zerstören. Zweigstrecken seien für künftige Güterverkehre nach der Lkw-Maut wichtiger denn je.
Der VCD erwartet durch die öffentliche Debatte, dass die Landesregierung ihre falsche Weichenstellung im Elbe-Weser-Dreieck umgehend zurücknimmt. Dem umweltfreundlichen Schienenverkehr müsse endlich auch in Niedersachsen eine faire Chance gegenüber dem Straßensektor eingeräumt werden. „Die klaren Positionierungen für noch mehr Autobahnen beim gleichzeitigen Forcieren des Bahnabbaus in der Fläche sind inzwischen bundesweit einzigartig!”, so Frömming. Auch andere Umweltschützer fordern endlich Unterstützung für den Schienenverkehr. Das Land Niedersachsen und die Kommunen im Elbe-Weser-Dreieck seien in der Pflicht, so der Naturschutzbund (NABU).
Es gibt durchaus Vorschläge, wie man mit dem vorhandenen Schienennetz in eine bessere Zukunft fahren kann, ohne es schrittweise stillzulegen. Uwe Höft, Marketing-Professor aus Brandenburg und ehemaliger Zevener, entwickelte dazu jetzt die Idee einer „Oste-Wümme-Bahn“. Seine Ideenskizze beinhaltet einen Lückenschluss zwischen Tarmstedt und Worpswede und würde eine attraktive Ost-West-Verbindung mit Anschluss nach Hamburg und Bremen ergeben. Gerade angesichts Lkw-Maut müsse einfach mehr Güterverkehr auf die Schiene verlagert werden, so Höft.
Sein vollständiges Konzept ist unter der Rubrik „Magazin“ auf dieser Seite zu finden.
Der Zukunft der Schienenstrecken widmet sich auch die zweite „Moorexpress-Tagung“ am 10. Oktober 2003 im Niels-Stensen-Haus in Lilienthal-Worphausen. Das Thema: „Mit dem Moorexpress in die Zukunft des ländlichen Raums zwischen Elbe und Weser”.
[Oste-Wümme-Bahn-Idee von Prof. Dr. Uwe Höft]
Dunkle Wolken über den Schienen der Region
(10.09.2003, rol)
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